Finanzkrise – Hintergründe, Fakten und Ratschläge

Der Gegensatz von Derivaten und Realwirtschaft

Derivate und Realwirtschaft

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Kapitalistische Gesellschaften sind dadurch gekennzeichnet, dass neben die realen Austauschbeziehungen von realen Produkten und Dienstleistungen immer mehr virtuelle Produkte und bloß vorgestellte Beziehungen treten. Diese rein virtuellen Produkte können dann zum Problem von Volkswirtschaften und Gesellschaften werden, wenn sie vom Umfang und von der Bedeutung her die realen Beziehungen und Produkte überrunden. Seit der weltweiten Finanzkrise 2007/2008 wird dieses Problem als Gegensatz zwischen Derivaten und Realwirtschaft diskutiert. Möglicherweise ist diese Sichtweise etwas verkürzt, sie macht aber über kurz oder lang die Betrachter auf das Kernproblem kapitalistischer Gesellschaften aufmerksam: Die Beziehungen, die Menschen miteinander eingehen, haben funktionierende Tauschbeziehungen zu rein virtuellen Geldbeziehungen gewandelt, die nicht mehr mit den realen Bedürfnissen und Gütern zusammenpassen wollen.

Was sind Derivate?

Derivate im engeren Sinne sind Finanzprodukte, die auf direkte oder indirekte Weise auf reale Güter Bezug nehmen. Allerdings sind auch Derivate denkbar, die auf andere Derivate Bezug nehmen und diese Kette der nacheinander geschalteten Bezüge kann nicht auf eine bestimmte Anzahl von Stufen begrenzt werden. Damit wird bereits ein Problem deutlich, das durch die fortgeschrittene Anwendung und Weiterentwicklung von Derivaten entstehen kann: Die Beziehung zu realen Produkten oder realen Tauschsituationen wird immer unklarer, eine Anbindung der virtuellen Produkte an die zugrunde liegenden realen Produkte kann im Extremfall sogar völlig verschwinden. Derivat geht als Begriff auf das lateinische Wort „derivare“ zurück, was man ganz einfach mit „ableiten“ übersetzen kann. Derivate sind also Objekte, die ihren Wert von anderen Objekten ableiten, die also selbst über keine innere Werthaltigkeit verfügen.

Was ist die Realwirtschaft?

Wirtschaft bedeutet im weitesten Sinne rationales Handeln zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. Für diese Befriedigung müssen Güter produziert werden, die später dann zur Erfüllung des natürlichen Bedarfs der Menschen verbraucht werden. Güter in diesem Sinne sind nicht nur nützliche Gegenstände wie Nahrung oder Wohnraum; zu den Gütern werden auch Dienstleistungen gerechnet, wenn sie prinzipiell geeignet sind, menschliche Bedürfnisse zu befriedigen. Zunächst versuchen Menschen vielleicht, die notwendigen Güter für den eigenen (familiären) Bedarf selbst zu produzieren, doch in allen (historischen) Gesellschaften zeigte sich recht schnell, dass es effektiver ist, Güter zu tauschen. Solange dieser Austausch als Tausch Gut gegen Gut erfolgt, werden auf direktem Weg reale Werte ausgetauscht – man spricht von Realwirtschaft.

Die Auflösung realer Tauschbeziehungen mittels Geld

Jedem ist klar, dass der Austausch Gut gegen Gut aus vielerlei Gründen nicht effektiv funktionieren kann. Deshalb wurde als erstes Derivat das Geld erfunden. Geld repräsentiert also Werthaltigkeit, Geld als eigenständiges Objekt (bunt bedruckte Papiere oder virtuelle Informationen in Datenspeichern) hat keine innere Werthaltigkeit. Ursprünglich hatte Geld in der Form von Gold und Silber noch eine eigenständige Werthaltigkeit, doch heutzutage setzt man fast ausschließlich auf Geld als vorgestellte Wertbeziehung zu anderen Werten und hofft darauf, dass irgendwo am Ende der Kette der Wertbeziehungen ein realer Wert zu finden sein wird.

Die Abkopplung der Derivate von der Realwirtschaft

Sofern Geld in Tauschsituationen verwendet wird, ist die Beziehung zwischen diesem Derivat und dem zugrundeliegenden Wert noch einigermaßen nachvollziehbar. Doch im Zuge kapitalistischer Entwicklung kommt es zu immer längeren Ketten solcher Wertbeziehungen. Wer heute Geld anlegt, der kann dies beispielsweise in Form von Aktien oder Anleihen tun. Hier wird (auch über mehrere Stationen) Werthaltigkeit an Unternehmen gegeben, die in vielen Fällen noch echte (anfassbare) Werte schaffen. Man kann aber mit seinem Geld auch Optionen auf Aktien oder Anleihen kaufen, also eine Wette abschließen, ob das entsprechende „Wertpapier“ eher an Wert gewinnt oder verliert. Solche Wetten sind natürlich nicht begrenzbar. Man kann auch darauf wetten, dass das zu Grunde liegende Wertpapier fällt. Oder man wettet auf das Wertpapier, das auf ein anderes Wertpapier wettet. Diese Kette ist beliebig verlängerbar; nach einer unbestimmbaren Anzahl von Stufen geht der zu Grunde liegende Wertbezug verloren. Dies wird in zyklischen Krisen dann auch den Beteiligten klar; insbesondere dann, wenn an irgendeiner Stelle ein Wertaustausch nicht mehr funktioniert. 2007/2008 waren dies Immobilienkredite, die amerikanische Banken an nicht handlungsfähige Schuldner gegeben hatten. Was bei der nächsten Finanzkrise der Auslöser sein wird, ist jetzt noch unklar, aber darauf kann schon mittels diverser Derivate gewettet werden.

Hintergründe zur Finanzkrise

Wie kam es zu unserer aktuellen Finanzkrise? Wie funktioniert Geld und welche Auswirkungen haben Zinsen? Können wir aus der Geschichte lernen? Auf den folgenden Seiten werden die Hintergründe der Finanzkrise und die ihr zugrunde liegenden Mechanismen aufgeschlüsselt und näher beleuchtet: